Ein ganz besonderer Kleister
Herrnhuter Bunt-Papier
Von Bernd-Ingo Friedrich
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Alte Bücher faszinieren den Liebhaber nicht zuletzt durch ihre sinnlichen Qualitäten. Dazu tragen wesentlich die Bucheinbände und die dafür verwendeten Buntpapiere bei. Besonders gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als die aufkommende Industrie die kleinen Handwerksbetriebe zwang, sich gegen die billige Konkurrenz mit hoher Qualität zu wehren, wurden deren Herstellungstechniken vervollkommnet, und es entstanden funktionale Kunstwerke, die heute zum Schönsten in der Buchkunst überhaupt zählen. Ein Buntpapier eigener Art wurde in der Brüdergemeine Herrnhut hergestellt.1
Die Brüderunität Herrnhut entstand, als am Anfang des 18. Jahrhunderts in ihrer Heimat verfolgte Böhmische Brüder nach Möglichkeiten einer neuen Existenz suchten.2 Sie wurde 1722 auf den Besitzungen des Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700 – 1760) bei Berthelsdorf (zwischen Löbau und Zittau) gegründet und konstituierte sich 1727. Zinzendorf war unter pietistischem Einfluß aufgewachsen. Jakob Spener, Hermann Francke und andere führende Vertreter des Pietismus in Deutschland zählten zu den Freunden der Familie Zinzendorf, er selbst hatte seine Ausbildung im Pädagogium in Halle und an der Wittenberger Universität erhalten. Die von ihm zunächst unterstützte, dann geleitete Gemeinde, die sich im Unterschied zu anderen „Gemeine“ nannte, organisierte sich autark und widmete sich neben der Unterstützung von Glaubensgenossen insbesondere der Missionstätigkeit. Ihre Erwerbszweige waren dem untergeordnet. Damit die Mobilität der Missionare und Diasporapfleger nicht durch Grundbesitz eingeschränkt würde und zur Vermeidung von Abhängigkeiten wurden für die Beschäftigung der Brüder und Schwestern Handwerk und Manufaktur innerhalb der Gemeine favorisiert. Neben jenen der für das tägliche Leben unerläßlichen Gewerke entstanden verschiedenste Werkstätten. Ein noch heute beliebtes Produkt Herrnhuter Manufaktur sind die zur Weihnachtszeit landesweit anzutreffenden Herrnhuter Sterne. Lackarbeiten auf Blech wurden in einer Manufaktur hergestellt, die von 1818 bis 1973 existierte.
Am 18. November 1764 beschloß die Gemeinde, eine Buntpapiermanufaktur zu errichten. Die Idee, eine solche Manufaktur zu errichten, war ungewöhnlich, weil die Buntpapiere, wie in der Unität anfangs auch, meist nebenbei angefertigt wurden. Buchbinder stellten sie für den eigenen Bedarf selbst her, und in den Dürninger'schen Fabriken entstand Buntpapier ebenfalls als Nebenprodukt.
Der Straßburger Kaufmann Abraham Dürninger kam auf Betreiben Zinzendorfs im Jahre 1747 nach Herrnhut. Er sollte den notwendigen Warenaustausch mit dem Umland organisieren. Dürninger entwickelte den einfachen Kramladen der Gemeine binnen Kurzem zu einem florierenden und weithin bekannten Handelshaus und gründete bald eigene Fabriken. Otto Uttendörfer erwähnt in seiner Wirtschaftsgeschichte Herrnhuts, daß die Schwestern der Gemeine in einer dieser Fabriken mit der Kattunmalerei beschäftigt wurden,3 und daß sie dort auch Versuche zur Tapetenherstellung anstellten.4 An anderer Stelle wird berichtet, daß im Chorhaus der ledigen Schwestern bunte Zitzdrucke angefertigt wurden.5 Bei der Herstellung dieser auch Zitz- oder Ritzi- Papiere genannten Kattunpapiere wurden u.a. auch abgenutzte Modeln aus der Kattundruckerei verwendet. Von daher gab es also bereits Erfahrungen, die dem neuen Erwerbszweig zugute kamen.

Unter Buntpapieren versteht man allgemein Papiere, deren Oberfläche, meist einseitig, manuell gefärbt oder bedruckt wurde. Die Farbe wird nicht bei der Papierherstellung der Papiermasse beigefügt. Sie müssen nicht mehrfarbig, d.h. bunt im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs sein, zu ihnen gehören auch einfarbige und ungemusterte Papiere. In der Vergangenheit kleidete man mit Buntpapier Schachteln, Schatullen, Truhen, Schränke, Schubladen und -kästchen und anderes aus. Vor allem aber wurden sie in der Buchbinderei als Vorsatzpapiere und für Einbände gebraucht.
Die Verwendung von Buntpapieren hat ihren Ursprung in Japan. Die dort gebräuchlichen Techniken zur Herstellung der Suminagashi- oder Marmorpapiere wurden von den Türken übernommen und zu hoher Vollkommenheit entwickelt. In Deutschland waren vor bekannt werden der „Türkischen Papiere“ bereits einfache Buntpapiere in Gebrauch. Ähnlich wie beim Veredeln des Pergaments wurden sie lediglich mit Schwamm oder Pinsel eingefärbt und anschließend gewachst.
Ein anderes, einfaches Buntpapier ist das Kleisterpapier. Kleisterfarben sind seit etwa 1600 bekannt und in Gebrauch. Ein gemustertes Kleisterpapier, das durch aufeinanderlegen und trennen der eingefärbten Seiten zweier Papierbögen entsteht, wurde vermutlich zuerst von Spielkartenmachern verwendet. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten, die Herstellung dieser Papiere zu variieren, wie z.B. beim Rieselmarmor, dessen Muster durch fließendes Wasser erzeugt wird und das in Deutschland verbreitet, aber auch in der Türkei bekannt war. Kleistermarmorpapier, zu dem auch das Herrnhuter Papier zählt, und bei dem die Musterung mit Hilfe von Werkzeugen entsteht, wurde auch Wolkenmarmor, Handmarmor oder einfach auch Marmorpapier genannt. Neu beim Herrnhuter Kleistermarmor wiederum war die Verwendung von Modeln.
Das Papier herzustellen ist – technisch – relativ einfach. Man bestreicht die Oberfläche eines vorbereiteten Papierbogens mit einem Kleister, dem man feine, gelöste Farbpigmente, Tuschen oder Beizen zugesetzt hat. Durch den Pinselauftrag erhält man eine lebhafte, ungleichmäßig farbintensive Fläche. Die farbige, noch feuchte Kleisterschicht bearbeitet man so, daß an den bearbeiteten Stellen das weiße Papier teilweise oder ganz wieder zum Vorschein kommt. Dazu verwendet man die Finger, Schwämmchen, Papp- oder Papierstreifen, die man noch in eine bestimmte Form, beispielsweise zu Kämmchen schneiden kann, oder man drückt Stempel hinein. Der Phantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Auf diese Weise erzeugt man Muster mit besonderen Strukturen, und die Stege, die beim beiseite Quetschen des Kleisters entstehen, geben dem Papier ein unverwechselbares Gepräge. Die einfache Technik ermöglichte speziell den Buchbindern, sich schnell und preiswert ein attraktives und passendes Papier selbst herzustellen.6

In Herrnhuter Manier ausgemalte (!) Truhe.
In einem nicht näher bestimmbaren Manuskript unbekannter Herkunft im Herrnhuter Unitäts-Archiv berichtet der Verfasser über den „Manufactur-Stand“ verschiedener Orte Kursachsens und der Oberlausitz. Im Kapitel „Verschiedene in die Verfassung des Chursächsischen Justiz-Contributional-Commercial und Münz-Wesens einschlagende Nachrichten pro Anno 1763“ schreibt er:
„Der Buchbinder nimmt den nötigen Leim aus Görlitz von den Weißgerbern, die Pappe und Papier sowohl daher als auch aus Bautzen. Buntes Papier macht er teils selbst, teils läßt er es zu Hennersdorf verfertigen, die Fabricatur ist artig. Man nimmt e.g. (= exempligratia, zum Beispiel) die Scharlachlappen der Schneider , kocht sie, daß sie Farbe lassen, und streicht mit denen Fingern ordentliche Wolken aufs Papier. Wenn Linien dazwischen kommen sollen, so nimmt man dazu hölzerne Formen, die man aus freier Hand auf dem Papier herum zieht. So wird das Papier trocken und nachher geglättet. Andere Gattungen Bunt-Papier macht man auf folgende Art. Man nimmt eine Schüssel mit Wasser, welche mit Gummi saturiert ist; auf dieses Wasser schüttelt man diejenigen Saftfarben, welche man seinem Papier geben will, und formiert Figuren daraus, legt das Papier darüber, hilft etwa mit hölzernen Formen noch ein wenig. Wenn es trocken ist, so wird es geglättet. In Dresden geht ein Ausrufer herum, der echt Herrnhutisch Papier ausruft.“ Hierbei handelt es sich um eine der frühesten Erwähnungen des Herrnhuter Papiers. In der Literatur erscheint der Begriff erstmals in Johann Beckmanns Geschichte der Erfindungen.7
Als Farben verwendete man Florentiner Lack für Karminrot, Indigo oder Berliner Blau, Gelbbeeren-Sud für Gelb, und für Moosgrün wurden Blau und Gelb gemischt. Wie sparsam Farben z.T. gewonnen wurden, zeigt der eben zitierte Text. Aus dieser Technologie heraus erklärt sich auch die oft bescheidene Farbpalette der Papiere. Bei der Musterherstellung verwendete man bewußt Fingerabdrücke, zudem Rollen, Kämme, Hasenpfoten und sogar Salatblätter. Einfallsreich wurden außerordentlich aufwendige und komplizierte Muster hergestellt, und es entstanden bei sparsamstem Materialeinsatz hochwertige, kunstvolle Papiere. Dennoch waren die Papiere nicht billig. Um 1825 kostete ein Ries einfarbiges Herrnhuter Papier 5 ½ Gulden, und Uttendörfer bemerkt dazu, daß Buntpapier in Berlin halb so teuer zu haben war. Konkurrenzfähig war das Herrnhuter Papier dank seiner überragenden Qualität.
Hergestellt wurde es im Chorhaus der ledigen Schwestern der Gemeinde. Nach anfänglichen Verlusten arbeitete die Manufaktur mit Gewinn. Im Jahre 1776 zählte man sechs Papiermacherinnen, und das Papier hatte sich weit, vor allem über das östliche Mitteldeutschland bis hin nach Berlin verbreitet. Bücher, die in Herrnhuter Papier eingebunden sind, lassen sich in vielen Bibliotheken nachweisen. Auch Goethes Bibliothek enthält einige. Über welchen Zeitraum und in welchem Umfang die Manufaktur produzierte, läßt sich nicht mehr rekonstruieren, da große Teile des Herrnhuter Archivs, darunter auch eine umfangreiche Buntpapiersammlung, 1945 verbrannten. Die Versuche, anhand der Einbände von Periodika wie der Herrnhuter Losungen oder der Sitzungsprotokolle der Unitätsdirektion, für die über einige Jahrzehnte hinweg gleichartiges Papier aus der eigenen Manufaktur verwendet wurde, eine Zeitspanne für deren Herstellung zu ermitteln, sind wohl eher als fraglich anzusehen. Nach 1820 wurden die bescheidenen Kleisterpapiere von den raffinierteren „echten“ Marmorpapieren verdrängt und kamen allmählich aus der Mode; mithin kann man einen Zeitraum von ca. 60 Jahren als sicher annehmen.
Heute hat es keine praktische Bedeutung mehr. Es wird, wenn überhaupt beachtet, als interessantes Detail eines alten Bucheinbandes wahrgenommen, von einigen wenigen Liebhabern gesammelt und noch weniger Handwerks- Enthusiasten hergestellt. Herrnhuter Papier findet sich u.a. in den Sammlungen Olga Hirsch im Britischen Museum in London; Konrad Simon, Berlin, jetzt im Besitz von Ingraban D. Simon, und in der Sammlung der Autorin Gabriele Grünebaum. „Herrnhuter Papiere und andere Buntpapiere“ hieß 1997 eine Ausstellung der Sammlung Simon im Heimatmuseum der Stadt Herrnhut,8 wo 2001 auch die Hamburger Buntpapiererin Gisela Reschke in einer offenen Werkstatt Buntpapiere in der Art Herrnhuts herstellte. Proben davon sind im Unitäts- Archiv zu sehen. Zu den Handwerkern, die oft unter schwierigsten Bedingungen diese und andere alte Techniken am Leben erhielten, gehören auch Hesses in Leipzig, wo gegenwärtig Ilona Ruckriegel, die Tochter des berühmten Gerhard Hesse, in dritter Generation vor allem die klassischen Marmorpapiere herstellt.9

In Zeiten, wo man sich „on demand“ billige, industriell verarbeitete Bücher, Broschüren und Ringbücher online bestellen kann, ist diese Kunst des Färbens selten geworden. In der Oberlausitz ist es noch der Görlitzer Buchbindermeister Hans-Hubert Gotzmann, der in seiner kleinen Werkstatt am Stadtrand von Weißwasser Buntpapiere nach Herrnhuter Art herstellt. Bei Bedarf werden von ihm auch die klassischen Marmorpapiere gefertigt. Sie sind bis heute unübertroffen als Einband- oder Vorsatzpapiere für Bucheinbände. Vielfach – besonders einfallsreich sind in dieser Hinsicht die Venezianer – werden solche Papiere aber auch einfach aus Freude am Schönen „zweckentfremdet“; zum Beispiel als gerahmter Wandschmuck, als Träger von Kalligraphien, als Material für Passepartouts, zum Verpacken von Geschenken oder beim Gestalten von Postkarten, Schachteln, Etuis, Ordnern et cetera.
Der Pirckheimer HG, so sein Kürzel, ist in den Marginalien bereits vorgestellt worden.10 Seitdem ist allerdings einige Zeit vergangen. Runde zwei Jahre nach Erscheinen des Artikels erhielt er trotz mancherlei Querelen staatlicher Stellen den Gewerbeschein, dazu die Auflage, in angemessener Frist den Meisterbrief zu erwerben. Heute ist er ein anerkannter Meister seines Faches, und das nicht nur des Scheins wegen, denn HG macht mit 3 ½ Fingern Sachen, die andere mit 20 nicht hinbekommen würden.
Als mittlerweile unentbehrlicher Partner der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften kam er über Buchrestaurierungen in deren Auftrag dazu, sich die Buntpapiere, die anders nicht zu haben waren, selbst herzustellen, so wie er überhaupt kurzerhand selber macht, was nicht oder nur unverhältnismäßig teuer zu bekommen ist. Auch für die Herrnhuter hat er bereits gearbeitet. Dort wird heute wie vielerorts auch versucht, mit einem alle zwei Jahre stattfindenden Künstler- und Handwerkermarkt an alte Traditionen anzuknüpfen. Auf ihm führt HG mit viel Vergnügen die traditionelle Buntpapiererei vor und wirkt dabei noch jünger, als er ohnehin aussieht, denn im Dezember diesen Jahres wird der Meister Gotzmann 70 Jahre alt – was man ihm aber gar nicht ansieht. Dazu unseren allerherzlichsten Glückwunsch!

Anmerkungen
1 Träger, Richard: Ausgewählte Archivalien im Archiv der Brüder-Unität Herrnhut (Träger-Mappe „Buntpapier").
2 Meyer, Dietrich: Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine 1700–2000. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000.
3 Kattun: in Leinwandbindung hergestellter, meist bedruckter Baumwollstoff.
4 Uttendörfer, Otto: Wirtschaftsgeist und Wirtschaftsorganisation Herrnhuts und der Brüdergemeine von 1743 bis zum Ende des Jahrhunderts. Herrnhut 1926.
5 Hammer, Herbert: Abraham Dürninger. Ein Herrnhuter Wirtschaftsmensch des 18. Jahrhunderts. Berlin (1925).
6 Haemmerle, Albert: Buntpapier. München: Verlag Georg D. W. Callway 1977; Grünebaum, Gabriele: Buntpapier. Köln: DuMont Buchverlag 1982, und Reschke, Gisela: „Herrnhuter
Papier“ in: Das Echo Halles. Die kulturellen Wirkungen des Pietismus. Tübingen: Bibliotheca Academica Verlag 2001; S. 271ff.
7 Beckmann, Johann: Beiträge zur Geschichte der Erfindungen. 5 Bde. Leipzig 1786–1805, Bd. 5.
8 Katalog und Anlage zum Katalog der Sonderausstellung „Herrnhuter Papiere und andere
Buntpapiere“ im Heimatmuseum der Stadt Herrnhut vom 5.10. bis 16.11.1997. Hrsg. Stadt Herrnhut. Herrnhut 1997.
9 Drescher, Horst: „Der Regenbogenpapiermacher“ in: Ateliergespräche. Werkstattbesuche und Erinnerungen. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag 1989; S. 119ff.
10 Seidler, Reinhard: „Buchbindearbeiten von Hans-Hubert Gotzmann". In: Marginalien, Heft 87/1982; S. 41ff.
(2004. In: Marginalien 176/ 4.2004, mit Lesezeichen aus Herrnhuter Papier als Beilage; Oberlausitzer Hausbuch 2005, gekürzt.)
Nachtrag
Eine interessante Sammlung Siebenbürger Buntpapiere, darunter auch zahlreiche Kleisterpapiere, wird auf einer Website des "Haáz Rezső Múzeums" für ungarische Volkskunst im Szeklerland in Rumänien vorgestellt. Das Szeklerland liegt in der Gegend um Neumarkt (Târgu Mures), dem Geburtsort von Ladiszlaus Szücs. Die drei Museen befinden sich in Szent György, Csikszereda und Székelyudvarhely, rumänisch Sfântu Gheorghe, Miercurea Ciuc und Odorheiul Secuiesc.
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