Photographisches Atelier M. Ackermann Görlitz
Ein Leopold-Schefer-Porträt
Von Bernd-Ingo Friedrich
Mit Dank an Herrn Hans Brettschneider, "Gesellschaft für das Museum der Fotografie Görlitz e.V.".
In der Ikonographie der Leopold-Schefer-Bibliographie von Bettina Clausen (FFM 1985) ist auf Seite 282 ein „Bildnis: [Leopold Schefer] Daguerreotypie (?) o. Bez.“ mit den Vermerken „verkleinerter Abzug“ und „Original verschollen“ aufgeführt.
Wie Marie Schefer – die älteste Tochter Leopold Schefers – im Brief vom 08.01.1863 an die Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften schrieb, war dies „ein recht sehr gutes Bild aus den letzten Lebensjahren“; nach Bettina Clausen wurde es „vermutlich um 1860 nur für internen Gebrauch angefertigt“. Ob es sich dabei tatsächlich auch um jenes Porträt handelt, das lt. „Repräsentanten- und Hauptversammlungs-Protokolle und Schreiben 1860-1875“ der Gesellschaft zur Verteilung an Familie Schefer und „Verehrer“ in 12 Abzügen herzustellen beabsichtigt war, ist nun allerdings fraglich, weil diese Angabe auf der Voraussetzung basiert, die Aufnahme wäre von dem „ambulanten Porträtmaler und Photographen Schwendtner aus Breslau“ gemacht worden, der lt. Muskauer Anzeiger vom 24.08.1860 von Ende April bis Ende Mai 1860 in Muskau „am Markte bei Schneidermeister Lehmann Photographische Porträts“ anfertigte.
Bisher war von dem Porträt nur der „verkleinerte Abzug“ im Archiv der OLGdW in der Oberlausitzischen Bibliothek der Wissenschaften nachgewiesen. Ein weiterer Abzug tauchte unlängst bei der Versteigerung einer Sammlung von historischen Künstlerfotos in Kanada auf. Auf der Rückseite wird als Urheber desselben ein „Photographisches Atelier M. Ackermann Görlitz“ genannt.

Der Fotograf Ackermann hieß – wie der mit Schefer befreundete Verleger Veit – mit Vornamen Moritz und hatte sein erstes Atelier im Haus der Seidenfärberei Dalchow in der Rosengasse („Probebilder stehen zur gefälligen Ansicht in den Schaufenstern bei Herrn August Westphal, Brüderstraße, und bei Herrn Joseph Berliner, Obermarkt“), das vor Einführung der Hausnummern um 1850 noch die Hypothekennummer 238 trug; danach in der Schützengasse, späteren Schützenstraße 2.1 Zu ihm gibt es einige Informationen, eine Visitenkarte sowie drei weitere Fotografien im „Fotomuseum Görlitz“.
Das leider noch viel zu wenig bekannte Museum befindet sich seit 2000 in dem repräsentativen Gründerzeitbau Löbauer Straße 7. In diesem Haus gründeten 1893 die Herren Herbst & Firl ihr „Centralmagazin für Photographenbedarf - Fabrik für photographische Apparate“. Mit den unverändert in drei Nischen zwischen den Fenstern der ersten Etage stehenden Büsten von Daguerre, Niépce und Talbot setzten sie den Erfindern der Fotografie ein eindrucksvolles Denkmal. 1899 kaufte der Dresdener Kamerahersteller Heinrich Ernemann den gesamten Betrieb und führte ihn als „Ernemann Werke AG“ bis zum Jahre 1919. Das Produktionsprofil der Firma Ernst Herbst & Firl wurde weitgehend beibehalten. Im ersten Weltkrieg ging die Produktion zurück und Ernemann schloß den Betrieb. Zuletzt beherbergte das Haus die Reiseandenkenfirma Hugo Gutte sowie das Photo-Kontor Alfred Herbst, Sohn von Ernst Herbst.
Mit Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich in Görlitz eine bedeutende fotografische Industrie zu entwickeln. Kunsttischler der Stadt bauten die ersten „Photographischen Apparate“. Schon 1881 stand die Firma „Paul Dittrich & Co.- Fabrik Photographischer Apparate“ im Handelsregister. Viele andere folgten und arbeiteten mehr oder weniger erfolgreich. Zu den erfolgreichsten gehörten die Firmen von „Curt Bentzin - Werkstätte für photographische Apparate“, „Mlitz & Krügler - Photographische Kunsttischlerei“, „Robert Reinsch - Neue Görlitzer Kamerawerke“ und natürlich die Firma des Optikers Hugo Meyer, die unter der Firmenbezeichnung „Meyer-Optik“ hochwertige Objektive für alle Welt herstellte. Die Firma „Kammler - Lederwaren Görlitz“ stellte seit den 1930er Jahren Balgen für Großformatkameras, Fototaschen, Objektivköcher und -deckel her. Um das Jahr 1900 war Görlitz neben Berlin und Dresden der bedeutendste Standort der aufkommenden Fotoindustrie. 1991, fast ein Jahrhundert später, wurde die Entwicklung der fotografische Industrie von Görlitz abgebrochen, wurden ihre noch existierenden Betriebe zum musealen Fundus. Seitdem haben die Mitarbeiter des Fotomuseums unzählige Sachzeugen zur Erinnerung an den einst prosperierenden Wirtschaftszweig in ihren Räumen versammelt. Die große Zahl der in Görlitz ansässig gewesenen Fotografen fand dabei ebenfalls Beachtung.
Zu Moritz Ackermann finden sich dort folgende Fakten:
Fotografien vom Muskauer Schloß um 1865 sollen sich in „Het Koninklijk Huisarchief“, Den Haag/ NL, befinden.
1883 erhielt das Atelier Ackermann vom „Internationalen Photographischen Verein Viktoria“ eine Silberne Medaille.
1885 war es auf der Görlitzer Gewerbe und Industrie-Ausstellung vertreten, erhielt dort ebenfalls eine Silbermedaille und wurde in der Ausstellungs-Zeitung hervorgehoben:
„Die Firma M. Ackermann & Sohn (Julius) in Görlitz hat sich zunächst durch zwei große Kinder-Porträts in Aquarell sehr bemerklich gemacht. Auch das Porträt des Generals ist eine sehr tüchtige Arbeit. Ebenso ist die Frau mit dem Schirme ein vortreffliches Bild, wie denn überhaupt sämmtliche Darstellungen der Firma dem Beschauer durch ihre große Sauberkeit, ihre echt künstlerische Auffassung und ihre gelungene technische Ausführung in hohem Grade imponieren.“2

Die Zeilen verraten außerdem, daß die Fotografie als Handwerk wie als Kunstform damals außerordentlich geschätzt wurde. Die Wertschätzung speziell Ackermanns wird erkennbar in der Verleihung des Titels „Hof-Photograph Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich d. Niederl.“ – wie es auf der Rückseite eines Fotos von ihm heißt; seine Visitenkarte zierte er mit dem Aufdruck „M. Ackermann Hofphotograph & Sohn“.
Anhand einiger Anzeigen in Adreßbüchern und Zeitungen läßt sich nachvollziehen, daß das Atelier Ackermann von 1851 bis 1900 bestand. Die Annonce im Neuen Görlitzer Anzeiger, in der das Atelier Ackermann am 21. Oktober 1851 zum ersten Mal erwähnt wird, lautet:
„(5996) Dem geehrten Publikum erlaube ich mir ergebenst anzuzeigen, daß ich mein Atelier für Lichtbilder auf Papier sowohl, als auf Silberplatten eröffnet habe. Die Aufnahme geschieht in dem hierzu erbauten Glashause bei jeder Witterung mit den vorzüglichsten Apparaten und empfehle ich mich zu recht vielen geneigten Aufträgen.
Moritz Ackermann, Photograph.
Rosengasse No. 238 in der Seidenfärberei des Herrn Dalchow.“3
Das Porträt Leopold Schefers erweist sich somit als ein auch „Talbotypie“ genanntes Lichtbild, hergestellt nach jenem Negativ-/ Positiv-Verfahren, das der Engländer William H. Fox Talbot sich 1841 unter dem Namen „Kalotypie“ patentieren ließt. Wann und wo das Porträt entstand, ist nur zu vermuten. Da Schefer 1859 seinen ersten Schlaganfall erlitt, danach nicht mehr verreiste und nach einem zweiten Anfall 1862 starb, liegt der Gedanke nahe, daß die Aufnahme in diesem Zeitraum angefertigt wurde, und zwar in Muskau. Die oben erwähnten Fotografien vom Muskauer Schloß wären dann vielleicht ebenfalls in diesen Jahren entstanden.
1900 wurde das Atelier Ackermann mit seinem gesamten Plattenbestand von dem Fotografen Louis Penzel aufgekauft und unter dessen eigenem Namen weitergeführt.4

Die „Gesellschaft für das Museum der Fotografie Görlitz e.V.“, kurz „Fotomuseum Görlitz“, wurde im Jahre 2000 gegründet. Zahlreiche hochkarätige Fotoausstellungen sowie Internetauftritte und Verlinkungen auf andere Fotoportale haben das Fotomuseum Görlitz auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht. Die weitesten Verbindungen reichen bis nach Australien und in die USA.
Das Fotomuseum Görlitz arbeitet zur Zeit an einer umfangreichen Dokumentation über die photographische Industriegeschichte in der Görlitzer Region. Zahlreiche Hersteller fotografischer Bedarfsartikel konnten ermittelt werden; ca. 130 Görlitzer Photographen der Zeit zwischen 1860 und 1950 wurden im Computer erfaßt. Die Datensammlungen werden ständig erweitert.
(09.12.2007)

Anmerkungen
1 Görlitzer Anzeiger Nr. 124 vom 21.10.1851, Nr. 130 vom 4.11.1851 und folgende.
2 Ausstellungs-Zeitung der Gewerbe und Industrie-Ausstellung zu Görlitz 1885. Nr. 119, [Görlitz] Sonnabend, den 5. September 1885.
3 S. Anm. 1.
4 Görlitzer Anzeiger vom 10.3.1900.
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