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Kalbsleder und Kindersegen

Die Kirchenbibliothek von Horka in der Oberlausitz

von Bernd-Ingo Friedrich



„Horka. Dorfkirche, frühgotischer Chor (13. Jh.) mit Kreuzrippengewölben, Schiff (17. und 18. Jh.) mit flachen Kreuzgratgewölben, an der Südseite des Chors hoher Turm, Altaraufsatz 1667. Friedhof mit Wehrmauer, vermutlich 13. Jh., im 15. Jh. erhöht, Wehrgang und Zinnenkranz. Bibliotheksbau mit Durchgang zum Friedhof 1741".1


horka bibliothek kirche wehrmauer      horka bibliothek aussen 1


Diese knappen, nicht mehr ganz korrekten Angaben lassen kaum vermuten, daß sich dahinter eine ebenso einmalige wie nahezu unbekannte Wehrkirche mit ungewöhnlich gut erhaltenen, sehr frühen gotischen Wandmalereien und einer der wohl bemerkenswertesten Bibliotheken Deutschlands verbirgt. Sie weist einige bauliche Besonderheiten auf, die so nirgendwo anders zu finden sind. Die auffälligste davon ist die acht Meter hohe und anderthalb Meter starke Wehrmauer aus Feldsteinen. Sie umfaßt ein Areal von zirka 50 Metern Durchmesser, in dessen Mitte sich die Kirche befindet. Einige ihrer Zinnen wurden 1729 durch ein Torhaus mit der darin befindlichen Bibliothek überbaut. Sie ist über das obere Stockwerk des an die Mauer gesetzten, nach einem Brand 1797 zweistöckig massiv gemauerten Pfarrhauses zugänglich. Das malerische, vom Anfang des 12. Jahrhunderts bis heute stetig gewachsene Ensemble wird vervollständigt durch einen halbrunden Vorplatz mit Kriegerdenkmal, eine bizarre, 500 Jahre alte Linde mit geborstenem Stamm, die natürlich sagenumwoben ist, und einen uralten Efeustock, dessen immergrüne Zweige den größten Teil der Wehrmauer einhüllen. 2

Horka, von den Nationalsozialisten von 1934 bis 1945 umbenannt in „Wehrkirch", ist mit seiner Ausdehnung von über sieben Kilometern das längste Straßendorf im heutigen Niederschlesischen Oberlausitzkreis. Nach einer Zählung hatte es im Jahre 1858 etwa 1800 Einwohner. 3 Die Kirche war von Beginn an Parochialkirche für die drei Ortsteile Horkas und Mückenhain. Deren Besitzer und Kollatoren gehörten Ende des 17. Jahrhunderts zu der weit verzweigten, in der Oberlausitz reich begüterten und einflußreichen Familie von Gersdorf. In der Oberlausitz mit ihrer ständischen Verfassung hatte es unter dem Einfluß eines Pietismus mit patriarchalischen und, zum Teil ungewollt, aufklärerischen Zügen an verschiedenen Orten Reformen gegeben, die der Entwicklung in den rückständigen, großen Standesherrschaften weit voraus griffen. Daran hatten viele von Gersdorfs maßgeblichen Anteil. So setzte sich Henriette Katharina von Gersdorf für die Bildung der Landbewohner ein, unterstützte die Entwicklung der sorbischen Schriftsprache und beteiligte sich an der Herausgabe der ersten vollständigen sorbischen Bibelübersetzung. 4 Anton von Gersdorf war Mitbegründer der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, und Nikolaus Graf von Zinzendorf, der Gründer von Herrnhut und Katharina von Gersdorfs Enkel, hob auf seinen Besitzungen schon im Jahre 1727 die Leibeigenschaft auf. 5

Abraham Wolff von Gersdorf (1649-1710) war der Stifter der Kirchenbibliothek von Horka. In der Stiftungsurkunde von 1683 heißt es: „Demnach Ich Wolff Abraham von Gersdorf auf Mückenhayn ... bey mir erwogen, wie viel daran gelegen sey, dass ein Pfarrer eine feine Bibliothec habe ..., auch wie hieran sonderl. bey denen Priestern auf dem Lande, ein ziemlicher Mangel verspüret werde; Sintemahl dieselbe zu weilen bey wenigen Mitteln sich befinden, mit vielen Kindern von Gott gesegnet werden, zu deren Unterhaltung dasjenige, so Sie beym Altare verdienen, wieder aufgehet, u. wegen der schwachen Einkünffte auf benöthigte Bücher gar nicht viel anwenden können, habe ich ... der Kirchen zu Horcka unter dem zu Ende gesetzten dato zwey hundert Thaler dergestalt verehret und zugeeignet, dass dieses Capital an einen sichern Ort ausgeliehen, und das hiervon Jährl. einkommende Interesse von nun an Ewiglich zu Erkauffung Geistlicher Evangelischen oder andern nützlichen Bücher folgender Massen angewendet werden solle ..." Er bestimmte darin die Modalitäten für die Auswahl der anzuschaffenden Bücher und Nachkäufe älterer Ausgaben, wozu eine Liste anzufertigen und ihm vorzulegen war, und legte für ihre Ausstattung fest, „... dass propter Decorem eine Gleichförmigkeit des Bandes observiret werden soll ...", weshalb die Bücher viele Jahre lang die damals preiswerten Kalbsledereinbände bekamen. Er verpflichtete sich, auf seine Kosten geeignete Repositorien anfertigen zu lassen und regelte die Katalogisierung, Aufstellung und Benutzung der künftigen Bibliothek. 6


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Wie lange diese Festlegungen von seinen Nachkommen beachtet wurden, läßt sich nicht mit Bestimmtheit feststellen. Anhand der Erscheinungsjahre der Bücher bis etwa 1880 kann man schlußfolgern, daß rund 200 Jahre lang kontinuierlich Bücher angeschafft wurden. Heute weist das Verzeichnis der Kirchenbibliothek Horka 789 oft mehrbändige Titel aus, wovon etwa die Hälfte auf das 18. Jahrhundert, und je ein Viertel auf das 17. und 19. Jahrhundert entfallen. 7 Darunter sind auch sieben Titel aus der Zeit vor 1600 und nur zwei oder drei Ausgaben nach 1900. Um die 67 Titel sind „Nachkäufe" aus der Zeit vor der Bibliotheksgründung. Bei konstanter Verzinsung und ohne Berücksichtigung etwaiger Schenkungen hieße das, es könnten jährlich sechs Bücher zum Preis von durchschnittlich zwei Talern hinzu gekommen sein. (Es ist also auch mit geringeren Mitteln möglich, eine ansehnliche Bibliothek zusammenzubringen – wenn man nur alt genug wird.)

Daß diese Mittel jedoch gar nicht so bescheiden waren, zeigen folgende Näherungswerte: Nach Fritz Verdenhalven hatte 1 Reichsthaler von 1622 bis 1775 die Kaufkraft von ungefähr 32,50 bis 43,20 DM im Jahre 1967. 8 Danach hätte das Stiftungskapital zwischen 6500 und 8500 DM und weiter hochgerechnet ungefähr 5000 Euro betragen. Allerdings waren Bücher auch damals nicht eben billig. Aufschluß darüber geben unter anderem das Verzeichnis neuer Bücher 1776/77 und ein Allgemeines Europäisches Bücher-Lexicon in welchem nach Ordnung des Dictionarii die allermeisten Autores oder Gattungen von Büchern zu finden . Bey jedem Buche sind zu finden die unterschiedenen Editionen, die Jahreszahl, Format, Ort, Verleger, Preiß, Editiones ... von Theophil Georg (Leipzig 1742).

Anfang des 17. Jahrhunderts kostete eine einfache Folio-Bibel 8 ½ bis 10 Thaler. Die einzelnen Bände von Martin Luthers Teutschen Schriften ... usw. (Altenburg u. Meißen 1661-64) wurden von Ausgabe zu Ausgabe dünner und teurer, der erste Band kostete acht, der letzte 14 Taler; Johann Hübners Curieuses Natur- Kunst- Gewerck- u. Handlungslexikon mit vielen Kupfertafeln (Leipzig 1712) 1 Rthlr. 12 gr.; einen glatten Taler sein Reales Staats- Zeitungs- u. Conversations-Lexikon (Leipzig 1737). Arnds 5 Bücher vom wahren Christenthum (Leipzig 1693) kosteten 1 Thlr. 8 gr. Die Dasselische u. Einbeckische Chronika, das ist Historische Beschreibung ... Johannem Letznerum Nardessianum. Gedruckt zu Erffurdt Durch Johann Beck 1596 dürfte für 2 Thlr. 16 gr. ein antiquarisches Schnäppchen gewesen sein, und auch über den Preis von 10 gr. für Johann Gotthard Beyers Schrift Ursprüngliche Quellen des Indifferentismi, oder Ursachen der närrischen Meinung: Man kann in allen Religionen seelig werden (Leipzig 1727) wird man sich gefreut haben. Luthers gesammelte Schriften wurden der Bibliothek vermutlich geschenkt.

Als die Bücher nach knapp 50 Jahren im Pfarrhaus überhand zu nehmen drohten, wurde ein separater Bau beschlossen. Er wurde für damalige Verhältnisse hochmodern errichtet, war feuer- und einbruchssicher, ohne Träger und Stützen und auf Spannung über Gewölbe gebaut, so daß ihm auch Grund- oder Hochwasser nichts anhaben konnten. Es entstand ein etwa 45 Quadratmeter großer Raum mit je zwei Fenstern an den Längsseiten, die allerdings mit Eisenplatten in Form von Fensterläden zugeschraubt sind. Die Büchergestelle befinden sich symmetrisch angeordnet rundum an den Wänden, in ihrer Mitte steht ein langer Tisch mit Stühlen. Das Raumklima ist optimal und die Bücher, auch wenn manche nicht mehr so gut aussehen, sind im Inneren tadellos, oft wie neu. Wenn man den Raum betritt und nach der ersten Überraschung beginnt, die Einzelheiten wahrzunehmen, fallen linkerhand einige ebenerdig stehende, dickleibige Folianten auf, weil sie im oberen Drittel ihrer Rücken handbreite, römische Kapitale aufgemalt haben, die zusammen gelesen OPERA OMNIA Beati MARTINI LUTHE ... ergeben - der letzte Band ist abgegriffen. Er enthält das Register. Damit ist die Bibliothek gewissermaßen schon charakterisiert.

Das älteste Buch ist von Luther, erschienen zu „Vitebergae MDXXXIIII, bei Joh. Luft" (es hat Schmuckinitialen, einen Schweinsleder-Einband mit Rollenstempeln und Schließen und das Fragment einer illuminierten Handschrift als Einlage im Rücken), ebenso das jüngste, die 1925 abgeschlossene Kritische Gesamtausgabe der Werke Luthers, die „Weimarer Ausgabe". Auch das voluminöseste Werk ist eine Lutherbibel - das kleinste allerdings eine kommentierte lateinische Duodez-Ausgabe der Opera Omnia Horatii Flacci ohne Titelblatt (ein Schelm, wer dabei Arges denkt: Dem Besitzvermerk nach wurde sie von dem Pfarrer Holscher eingebracht). Das kleine, 1667 in Rotterdam gedruckte Büchlein gehört mit seinen winzigen 2-Punkt-Lettern auf 54 Zeilen je Seite zu den „Sensationen" der Bibliothek. Sein Pendant ist die Biblia. Die Gantze Heilige Schrift (deutsch) ... ausgefertigt von Christoph Matthias Pfaff, Tübingen 1729. Sie gelangte als Vermächtnis des „herrschaftl. Wirtschafts-Voigtes Joh. Gottfried Pohl, gegeben am 30.April 1881 zu Mückenhain" in die Bibliothek, bis dahin war sie in dessen Familie über 150 Jahre in Gebrauch! Mit den Maßen 43 mal 29 mal 17 Zentimeter und 11,8 Kilogramm Gewicht belegte sie im „Jahr der Bibel" 2003 in einem Wettbewerb um die dickste Bibel des Kirchenkreises den zweiten Platz. Die auf einem Kinderfest prämierte Siegerbibel war 200 Gramm schwerer. Zum Vergleich: der Duden (der alte) kommt bei 19 mal 13 mal 4 Zentimeter nur auf 745 Gramm. Die Bibel gibt es natürlich in zahlreichen Ausgaben. Sie erscheint ein- und mehrbändig, ein- zwei, drei und fünfspaltig gesetzt, mit und ohne Kupfer, kommentiert und unkommentiert, in Griechisch, Latein und Hebräisch, vom einfachen Handexemplar bis hin zum Prachtwerk, darunter eine Bibel des Lüneburger Sternverlags vom Anfang des 18. Jahrhunderts und die zweibändige Doré-Bilderbibel von 1867.


horka bibliothek innen


Was aber die Bibliothek so besonders macht, sind der praktikable Buchbestand und ihr wunderbar stimmiges Erscheinungsbild. Die rein zweckmäßige Einrichtung harmonisiert mit ihrer theologisch konsequent bestimmten Ausrichtung als protestantische Pfarrbibliothek, und ihre bescheidene Möblierung atmet ebenso wie der Buchbestand getreu den Geist, aus dem heraus sie geschaffen wurde. Damit ist sie das genaue Gegenteil der prunkenden Hofbibliotheken, deren Interieur oft wichtiger war als die Bücher selbst. In ihrem Bestand spiegeln sich exemplarisch die Auseinandersetzungen der Gelehrtenwelt des 18. Jahrhunderts wider, das Bemühen der Pfarrer, deren Turbulenzen in der täglichen Praxis auszubalancieren, und gleichzeitig ist an ihm nachvollziehbar, was damals Herzen und Hirne der einfachen Dorfbewohner beschäftigt hat. Dominieren anfangs noch die pietistischen und Erbauungsschriften wie Johann Friedrich Mayer, Das schwer angefochtene und von hertzen betrübte Kind Gottes, so seine klage/ ach und wehe für Gott ausschüttet. (Leipzig 1698), so nehmen um 1750 die Werke mit aufklärerischen Inhalten zu, aber es sind weniger die großen Programmschriften als vielmehr die kleineren, alltagstauglichen, meist in deutscher Sprache verfaßten Schriften. In ihnen finden sich fast alle großen Namen aus den verschiedensten Richtungen der Aufklärungtheologie, von den Herrnhutern Zinzendorf, Spangenberg, Cranz und ihren Antipoden Fresenius und Walch über die Pietisten Arnd, Spener, Franke, Niemeyer, Lavater, Bodmer und viele andere über den Radikaläufklärer Bahrdt bis zum späteren Jakobiner Riem. Oft sind mehrere einander widerstreitende Schriften in einem Band vereint, wie Bahrdts Glaubensbekenntnis mit der Entgegnung Semlers und einer „kindlichen Zuneigung" von J.C.L.

Zu den theologischen Abhandlungen gesellen sich aber allmählich auch praktischere, wie die Trostgründe für Personen, die ein sieches Leben führen (aus dem Französischen 1758), Sachbücher über christliche Archäologie, tierischen Magnetismus und Somnambulismus, Antimagnetismus, das Geisterbannen und Schätzeheben, die „Freymäurer", Alkoholismus, ein Muster-Briefsteller, Die aegyptische Expedition der Franzosen, eine Anleitung zur Kenntnis des gestirnten Himmels, die Wochenschrift Der Jude, die Mathematik von Wolff und so fort. In nachbarschaftlichem Verhältnis finden sich Übersetzung der Allgemeinen Welthistorie ... etc. von Baumgarten und anderen in 64 Bänden, etliche mehrbändige Lexika, Leichte Mittel den Mund rein und die Zähne gesund zu erhalten durch Herrn Bourdet, Ihro Majest. der Königinn in Frankreich Wund- und Zahnarzt (72 Seiten!), Leipzig in Lankischens Buchhandlung 1762, („Die Zähne sind die härtesten Beine, die einzigen aber, die unbedeckt sind, und folglich sind sie auch die zärtlichsten, und am meisten der Verderbnis unterworfen.") und I. G. S. Fischers Beytrag zu Wegräumung des Schuttes und der Wegebesserung in jetzigen und künftigen Zeiten durch die Superintendenten (Weißenfels und Leipzig 1786).

An den Pfarrer selbst gedacht ist mit dem Traktätchen von Johann George Friedrich Franz Der Arzt des Gottesgelehrten, welcher Vorschriften gibt, wie sich Prediger in Ansehung ihrer Gesundheit bey Führung ihres Amtes zu verhalten haben. (Leipzig 1770) Literatur über Frauen gibt es ebenfalls. D. Augusto Pfeiffern, Grund=Riß aller Weißheit (Leipzig 1685); beigebunden Gottfried Meißner, Anmerkungen über Salomonis Hohes Lied/ Die niedrige aber nachmals erhöhte Esther/ Die Heldin Judith (Hamburg u. Stockholm 1687) sowie ein Spiegel edler Pfarrfrauen. Eine ganze Reihe von Büchern beschäftigt sich mit dem Ehesakrament. Darunter ist die Abhandlung „von einem oberlausitzer Dorfpfarrer" Haupt-Schlüssel zum Herrnhutischen Ehe- Sacrament (Frankfurt und Leipzig 1755) eine der interessantesten.

Als Buchtitel interessant, weil er bei einem der Pseudonyme des Fürsten Pückler Pate gestanden haben könnte, ist der Abriß Der Evangelischen Ordnung zur Wiedergeburt, Worinnen Die Schrifftmäßige Einsicht und Ausübung der wahren Evangelischen Mystic, Oder des Geheimnisses des Evangelii, nach vier Stuffen der Wiedergeburt gezeiget wird/ vorgelegt von Einem Ermüdeten Weltweisen [!], der auf die Wiedergeburt wartet. Franckfurt und Leipzig/ Bey Johann Christian Herold. MDCCXXXV.

(Der Fürst Hermann von Pückler-Muskau nannte sich unter anderem „Semilasso", der Halbmüde; was einem Spötter wiederum das Pseudonym „Tuttolasso" eingab – der Ganzmüde.)

Die Geschichte ist mit einigen Standardwerken vertreten, zum Beispiel David Cranz' Alte u. neue Brüder-Historie ... (Barby 1771), Georg Thebesius' Liegnitzische Jahrbücher, worinnen sowohl die Merkwürdigkeiten dieser Stadt, als auch die Geschichte der Piastischen Hertzöge in Schlesien von ihrem Anfange bis zum Ende des 16. Jahrhunderts ... gründlich untersuchet. Herausgegeben von Gottfried Balthasar (Jauer 1783), Derer Oberlausitzer Sorbenwenden umständliche Kirchengeschichte von Christian Knauth (Görlitz 1767), der Versuch einer Oberlausitzischen Reformationsgeschichte von Johann Gottlieb Müller (Görlitz 1801), und dazu gleich wieder Christian Adolph Peschecks Geschichte der Gegenreformation in Böhmen (Dresden u. Leipzig 1844). An Büchern von Johann Benedikt Carpzow, dank dessen Aufzeichnungen die Stadt Zittau, deren Archive mehrmals verbrannten, überhaupt noch frühe Geschichte schreiben kann, gibt es über einen halben Meter.9

Hervorhebenswert ist schließlich das Schöppenbuch Horkas von 1536 bis 1660. Das Buch von 1660 bis 1793 ist 1825 verbrannt, das dritte von 1798 bis zur Abschaffung der Dorfgerichte um 1820 liegt im Stadtarchiv von Rothenburg. Dort lagern neben einer ganzen Reihe weiterer aus anderen Ortschaften auch die vier aus der Zeit von 1585 bis 1817 lückenlos überlieferten Mückenhainer Schöppenbücher.


horka schoeppenbuch 1      horka schoeppenbuch 2


„Ausrutscher" könnte man die Anschaffung von Sophokles, Horaz, Voltaire und ein paar anderen nennen; auch das Verzeichnis der Dresdener Gemäldegalerie (Dresden 1880) und Der Feldzug von 1866, herausgegeben von der kriegsgeschichtlichen Abteilung des Großen Generalstabes (2 Bde. Berlin 1867), fallen etwas aus dem Rahmen. Das tut ebenfalls Die Stimme der Wahrheit aus dem göttlichen Worte über Friedrich Wilhelm III. König von Preußen in einer Auswahl von Gedächtnispredigten (Berlin 1848), verfaßt von einem gewissen Romberg – Preußen, wie Kurt Tucholsky es geliebt hat.

Sehr erstaunlich und eine weitere Besonderheit dieser kleinen, aber „feine(n) Bibliothec" ist nicht zuletzt auch die Tatsache, daß die Bibliothek in den über 300 Jahren ihres Bestehens in einer ständig von durchziehenden Truppen, Einquartierungen und Feuern heimgesuchten Landschaft offenbar keinerlei Verluste erlitten hat; zumindest ist nichts dergleichen bekannt. Nach dem 1940 angelegten Verzeichnis des Pfarrers Kögel, anhand dessen er mit Hilfe seiner Tochter die Bibliothek nach 1945 aufgeräumt und so geordnet hat, wie sie sich noch heute darstellt, hat sie selbst durch das „Dritte Reich", das für so viele Bibliotheken verhängnisvoll wurde, keinen Schaden genommen.

Einen für den Bibliophilen besonders interessanten Titel bietet das Verzeichnis noch auf der letzten Seite mit seiner drittletzten, der Position 786: Johann Paul Sigmund Bunzel. Kurze Betrachtungen über biblische Texte bei den Särgen unserer Mitchristen zum Gebrauch bei sogenannten Leseleichen. Nürnberg 1788. Mit den „Leseleichen" sind aber keine Bücherfreunde gemeint, die über ihrer Lektüre alles andere vergessen haben, sondern so wurden im Predigerjargon schlicht die Beerdigungen der armen Leute genannt. Auf ihnen „verlas" man vorgefertigte Predigten, denn man bekam ja kein Geld für die Plackerei mit einer „richtigen" Rede.

(2004)



Anmerkungen
1 Piltz, Georg: Kunstführer durch die DDR. Leipzig, Jena, Berlin: Urania-Verlag 1976; S. 562.
2 Heimatbuch des Kreises Rothenburg O.-L. für Schule und Haus. Hrsg von Robert Pohl. Weißwasser O.-L.: Verlag von Emil Hampel 1924; S. 279-289.
3 Vermerk in: Holscher, Ludwig August Theodor. Die Parochie Horka im Rothenburger Kreise, bestehend aus den Ortschaften Ober-, Mittel-, Nieder- Horka und Mückenhain, topographisch, statistisch, historisch beschrieben von Ludwig August Theodor Holscher, evangelisch- lutherischem Pastor zu Horka, der oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz, und des Vereins für Geschichte und Altertum Schlesiens zu Breslau wirklichem Mitgliede. Rothenburg i. d. L., Gedruckt bei Johann Karl Weißig 1856, durchschossenes Exemplar mit handschriftlichen Ergänzungen Holschers.
4 Boetticher, Walter von: Geschichte des Oberlausitzischen Adels und seiner Güter 1635- 1815. 4 Bde. Görlitz: Oberlausitzische Gesellschaft der Wissenschaften 1912-1923. – Zu A. W. von Gersdorff: Bd. 1 (1912); S. 356-357.
5 Meyer, Dietrich. Zinzendorf und die Herrnhuter Brüdergemeine 1700-2000. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2000; S. 5-6.
6 Vgl. Holscher, Die Parochie Horka, S. 157-159.
7 Verzeichnis der Kirchenbibliothek Horka. Angefertigt von Pf. Rudolf Kögel. Typoskript. Horka 1940.
8 Verdenhalven, Fritz. Alte Maße, Münzen und Gewichte aus dem deutschen Sprachgebiet. Neustadt an der Aisch: Verlag Degener & Co., 1968; S. 7.
9 Vgl. Geschichte der Oberlausitz. Herrschaft, Gesellschaft und Kultur vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Hrsg.: Joachim Bahlcke. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2001; S. 19- 24.


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