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Rezensionen


Schefer Komponist

Ernst-Jürgen Dreyer, Bernd-Ingo Friedrich: „Mit Begeisterung und nicht für Geld geschrieben". Das musikalische Werk des Dichters Leopold Schefer." Verlag Gunter Oettel: Görlitz-Zittau 2006. 208 S.


Rezension von Kathinka Rebling in: Letopis. Zeitschrift für sorbische Sprache, Geschichte und Kultur 54 (2007) 1, S. 147-149.
Dr. Kathinka Rebling ist Honorarprofessorin am „Zentrum für Sorbische Musikforschung und –lehre" der „Fachhochschule Lausitz" in Cottbus.

[...] „Das hier vorliegende Buch schließt eine empfindliche Lücke in der Musikgeschichtsforschung der Lausitz, denn es fokussiert einen Dichter und Komponisten, der seinen Lebensmittelpunkt in Muskau hatte. Er wurde dort geboren und starb auch dort. Den Verfassern der außerordentlich informativen Schrift sei an dieser Stelle hohe Anerkennung für die jahrzehntelange akribische Quellenforschung gezollt. Das im Anhang beigegebene Literaturverzeichnis benennt eindrucksvoll die zahlreichen Bibliotheken und Archive, in denen Manuskripte gefunden wurden, die lange als verschollen galten und jetzt erst der Vergangenheit entrissen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnten."
[...] „Letztlich fand ich im Vorwort noch einen Satz, der mich einigermaßen verwunderte: ‚Ein Wort noch zur Trockenheit unseres Buches. Sie ist beabsichtigt.' (S. 10). Ich weiß nicht, wovon die Autoren reden. Mir ist selten so eine profunde Sammlung von wissenschaftlich hochinteressanten Quellen, eine so spannende Lektüre von vielen wiederentdeckten Werken und ein so leidenschaftliches Engagement für eine Interpretationspraxis einschließlich dem Hinweis darauf, was unmittelbar realisierbar wäre, in die Hände geraten. Ich wünsche dem Buch und allen darin genannten Schefer'schen musikalischen Werken eine weite Verbreitung."


Rezension von Peter Gülke in: Die Musikforschung. Hrsg. Gesellschaft für Musikforschung. 60. Jahrgang 2007/ Heft 4. Kassel: Bärenreiter-Verlag 2007; S. 403.
Peter Gülke ist Professor an der Universität Basel, Dirigent und Musikschriftsteller.

Schumann präsentierte ihn in der Neuen Zeitschrift für Musik als „der besten Einer“, fand in einer Sonate zu vier Händen „eine Kraft und ein(en) Kern der Harmonie, im Charakter eine Zucht und Ehrbarkeit, wie man sie irgend an den besten Meistern des vorigen Jahrhunderts kennt“, und nannte den ersten Satz einer Es-Dur-Sinfonie, der ihm nur als Klavierauszug vorlag, „großartig“.
Ernst-Jürgen Dreyer, der nach Band 122 des Erbe Deutscher Musik, einer CD, einem Heft Klaviermusik (beide Bautzen 2006) und anderen mit Schefer befaßten Publikationen nunmehr eine Summa vorlegt, ist da vorsichtiger. Anders als Schumann macht er sich keiner Voreingenommenheit verdächtig; nicht um Ehrenrettung geht es, sondern um Wertung und Einordnung, welche allemal schwer genug sind bei einem, dem mit der Charakteristik „Kleinmeister“ herablassende Blickweisen sicher sind.
Ihr hat Schefer gerade genug Vorschub geleistet – als vorab provinzielle, trotz einer bis nach Istanbul führenden „Weltreise“ auf Muskau und Dienste beim Fürsten Pückler fixierte Existenz; mit Musik als (trotz einiger Lektionen bei Salieri) liebhaberhafter Nebenbeschäftigung neben einer umfangreichen literarischen; mit durchweg privat veranlaßten, Jahre oder gar Jahrzehnte auseinanderliegenden Schaffensschüben und stilistischen wie qualitativen Brüchen, welche immer wieder auf den Zusammenhang von Professionalität und Kontinuität aufmerken lassen.
Schummeleien, denen auch Schumann aufsaß, da er von zwölf Sinfonien von Schefer sprach, während noch nicht einmal die erste fertiggestellt war, zeugen vom Realitätsverlust des Liebhabers, der den Weg zwischen Absicht und Einlösung nicht sieht, und passen mit der Ethik des nur „mit Begeisterung“ Komponierenden nicht ganz zusammen. Allerdings hat Schefer auch Pech gehabt – u.a. mit einer von seinem Dienstherrn veröffentlichten Gedichtsammlung, für deren Autor man den Fürsten hielt, und mit einer ersten Liedpublikation, die in den Wirren nach der Völkerschlacht bei Leipzig unterging.
Und dennoch! Nicht nur geben Dilettanten über den durchschnittlichen Stand von musikalischer Kultur und musikalischem Verständnis besonders kompetent Auskunft; zuweilen erzielen sie, besonders bei Liedern – wie literarisch bei Gedichten – hinreißende Treffer, weil sie an normativen Verpflichtungen der Professionalität vorbeifinden. So glücken Schefer etliche Lieder, denen der Einzug in die Konzertprogramme dringlich zu wünschen wäre; und, als wisse er nicht, wie originell das ist, „passiert ihm“, die Trauer um einen früh verstorbenen Freund verarbeitend, der erste durchkomponierte Liedzyklus der Musikgeschichte.
All dies, Für und Wider eingeschlossen, wird in der vorliegenden Publikation mustergültig aufbereitet. Zum Beieinander von analytischer Gründlichkeit, sprachlicher Delikatesse, liebender Eindringlichkeit und wacher Kritik, weit oberhalb allen Ehrenrettungs-Furors, kommt eine vorzügliche verlegerische Betreuung, opulente Ausstattung mit zahlreichen Faksimiles und Notenbeispielen und Verzeichnissen, deren Benutzerfreundlichkeit den Hintergrund langwieriger Recherchen vergessen läßt. Als sei das noch nicht genug, veröffentlichen die Autoren im Anhang fünf Kompositionen aus Schefers handschriftlichem Nachlaß und aufschlußreiche Belege für Anregungen, die vom Schriftsteller Schefer ausgingen. Für dessen Wiedergewinnung haben nach Arno Schmidt etliche Germanisten viel getan; nachdem dies auch für die Musik geschehen ist, wären nun die ausführenden Musiker an der Reihe. (April 2007)


Dreyer
Artikel

Leopold Schefer (1784-1862) Ausgewählte Lieder und Gesänge zum Pianoforte. Hrsg. Ernst-Jürgen Dreyer. München: G. Henle Verlag 2004. (Das Erbe deutscher Musik. Band 122. Sechster Band der Abteilung Frühromantik.) 152 S.


Rezension von Peter Gülke in: Die Musikforschung. Hrsg. Gesellschaft für Musikforschung. 58. Jahrgang 2005/ Heft 4. Kassel: Bärenreiter-Verlag 2005; S. 477-479.
Zu Peter Gülke siehe oben.

"Leopold Schefer gehört zu jenen Doppelbegabungen, deren Charakteristik man nicht vorschnell mit Wertungen verbinden sollte; wenn einer einmal der zweiten oder dritten Garnitur zugeordnet ist, kommt er aus dieser kaum wieder heraus. In Bezug auf den Literaten Schefer haben das Arno Schmidt und mehrere Germanisten zu korrigieren versucht, in Bezug auf den Komponisten versucht es seit längerem, umsichtig und behutsam, der Herausgeber des vorliegenden Bandes.
Dessen Lektüre bestätigt, daß Schefer die Fürsprache verdient. Nicht zuletzt hat er Pech gehabt: die erste Gedichtsammlung, anonym vom Grafen Pückler-Muskau veröffentlicht, den man zunächst für den Verfasser hielt; die erste Liedsammlung 1813 in Leipzig gedruckt und in den Wirren der Völkerschlacht nahezu verschollen. Danach war es auf dem Markt - freundliche Aufmerksamkeiten von Schumann haben wenig daran geändert - um den Musiker Schefer bereits still. Insofern erscheint fast stimmig, daß die vorliegende kluge Auswahl durch einen verdruckst intonierten Vorspruch der Redaktion des Erbes deutscher Musik eröffnet wird, welche die Edition unnötigerweise zu entschuldigen sucht. Wenn wir dagegensetzen, daß Schefers Musik manches in der Reihe Veröffentlichte überragt und daß die Liedkompositionen (ähnlich wie Lyrik) etliche Handhabe bietet, den Dilettanten nicht nur als Entschuldigungsvokabel zu bemühen, benutzen wir dennoch die falsche, weil von unten hinaufgeschobene Meßlatte. In dem Bande begegnen Lieder, bei denen auch Schubert-Kenner kaum zu sagen wüßten, weshalb sie nicht von Schubert stammen könnten. [...]


Dreyer
Artikel

Tagebuch einer großen Liebe. 22 Lieder von Leopold Schefer. Limitierte Jubiläumsausgabe zum 222. Geburtstag von Leopold Schefer. Herausgegeben vom "Freundeskreis Lausitzer Musiksommer" Bautzen. KONSONANZ Musikagentur Bautzen 2006. CD mit Booklet (mit einer Einführung von Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich und sämtlichen Liedtexten); 16 Seiten.


Rezension „Liederreigen voll unerfüllbarer Sehnsüchte. Eine Muskauer Liebe“ von Wolfgang Hirsch in: TLZ Weimar vom 8. Oktober 2006.
Wolfgang Hirsch ist Chefredakteur der Musikredaktion der TLZ.

Eigentlich nicht in die zweite Reihe frühromantischen Kunstschaffens gehört der Muskauer Dichterkomponist Leopold Schefer (1784-1862). Daß der vergessene Autodidakt, der literarisch vor allem mit Gedichten und Novellen hervortrat, als Kunstlied-Komponist wieder zu entdecken ist, verdankt die Musikwelt den Akteuren des Lausitzer Musiksommers und dem Herausgeber Ernst-Jürgen Dreyer, die sich anläßlich seines 222. Geburtstages am 30. Juli mit mehreren Veranstaltungen und nun auch mit der CD „Tagebuch einer großen Liebe“ seinem sehnsuchtsvollen Liedschaffen zuwendeten [...].
Seine Lieder, die überwiegend der Zeit zwischen 1808 und 1814 entstammen, gelten als sublimatorisches Zeugnis einer unstandesgemäßen […] Liebe […] zu der Komtesse Agnes Pückler. Entsprechende emotionale Intensität entfalten die Gesangsstimmen, die weniger volkshaft-eingängigen Charakter als etwa die des Zeitgenossen Franz Schubert besitzen, indes von meist reizvoll-originellem Klaviersatz unterstützt werden […].


Rezension von Nikolaus Gatter in Gazzetino. Mitteilungen der Varnhagen Gesellschaft e.V. No. 20 (2007) auf www.varnhagen.info/gazzett20.html.
Dr. Nikolaus Gatter ist Germanist, Schriftsteller, Kritiker, Liedermacher, Übersetzer und Sammler von Lesefrüchten; Vorsitzender der Varnhagen Gesellschaft e. V.

Das "Tagebuch einer großen Liebe" - nämlich 22 anrührende Lieder des Dichters Leopold Schefer - wurde[...] auf einer liebevoll produzierten, mit informativem Beiheft ausgestatteten CD veröffentlicht. Der Sekretär und Domänenverwalter des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau hatte in den meisten dieser nun als Zyklus offerierten Lieder die 14-jährige Komtesse Agnes von Pückler, seine unglückliche Jugendliebe besungen. Entsprechend melancholisch nehmen sich manche von ihnen aus ("Lied des Schmachtenden", "Verlangen", "An die Ungetreue"), andere lassen in lyrischen Neologismen und überraschenden Metaphern die Sprachkraft des von Arno Schmidt gelobten Freigeists erkennen. Die meisten der Lieder wurden 1813 als "Gesänge zu dem Pianoforte", andere hier erstmals nach den Manuskripten veröffentlicht. Einen einführenden werkgeschichtlichen Text schrieben Ernst-Jürgen Dreyer und Bernd-Ingo Friedrich. Die CD ist bei der Musikagentur Konsonanz in Bautzen erhältlich.


Nikolaus Gatter in: Folker. Das Magazin für Folk, Lied und Weltmusik. Nr. 4/ 2007. Moers: Christian-Ludwig-Verlag 2007; S. 81.

[...] Junge Künstler, engagierte Spender machten es möglich, daß erstmals ein Liederzyklus auf CD eingespielt wurde. Er handelt von hoffnungsloser Liebe [Schefers] zu Pücklers Schwester Agnes, die der Vater [der Bruder, also Pückler!] standesgemäß einem Cousin zur Frau gab. Vom „Leben des Lebens“ über das erste „Ich liebe dich“, vom „Nachtbesuch“ bis zum „Lied des Schmachtenden“ und zur „Ewigen Klage“ reicht die Skala dieser empfindsamen Katastrophe, die uns mit perlenden Fiorituren und Melismen in die Frühromantik entführt, wo „sich Lust so spurlos vergißt“ und wo „mit dem Götterauge/ meines Fernrohrs am Mond ich sauge ...“


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