Gesundheit & Medizin

Vegetative Dystonie: Nervliche Verspannung und Stress

Vegetative Dystonie
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Einfach ausgedrückt, war vegetative Dystonie früher ein medizinisch sehr gebräuchlicher Begriff für das, was wir heute allgemein als „nervlichen Stress“ bezeichnen. Es handelt sich um eine Überlastungen oder ungleichmäßige Auslastung des vegetativem Nervensystems.

Vegetative Dystonie: Wissenswertes und Geschichte

Wörtlich bedeutet vegetative Dystonie eine „fehlregulierte Spannung des vegetativen Nervensystems“. Der „Tonus“ ist die normale Spannung der Nerven- und Muskelspannung. „Dys“ steht in der Medizin immer für eine Störung. Andere Begriffe sind Beispiele neurovegetative Störung, vegetative Neurose, autonome Dysregulation, oder funktionelles Syndrom. Das vegetative Nervensystem besteht aus drei Abschnitten:

  • Sympathikus bzw. sympathisches Nervensystem
  • Parasympathikus bzw. parasympathisches Nervensystem
  • Eingeweidenervensystem bzw. enterisches Nervensystem

Normalerweise funktionieren diese in einem ausgeglichenen Zusammenspiel. In unserer hektischen und reizüberladenen Zeit leiden die meisten Menschen unter einer Überfunktion des Sympathikus. In den 1950er Jahren wurde die Diagnose „vegetative Dystonie“ so oft gestellt wie niemals zuvor. Inzwischen ist die Bezeichnung kaum noch geläufig. Das Krankheitsbild selbst wurde aufgrund der schlechten Erfassbarkeit von Experten oft heftig kritisiert.

Die Symptome im Überblick

Erste Zeichen der „Missstimmung“ des vegetativen Nervensystems können sein:

  • Muskelzittern
  • schiefe Kopfhaltung
  • Verkrampfungen in Fingern, Waden, Kiefergelenk
  • Reizbarkeit

In späteren Stadien kommt es zu:

  • gesteigerter Nervosität
  • systematischer Überreizung
  • Schlafstörungen
  • Kopfschmerzen
  • Verdauungsstörungen
  • Krämpfe
  • Kreislauf-Probleme
  • Schwitzen

Vermutlich münden diese Symptome der vegetativen Dysfunktion häufig in andere Krankheiten: Autoimmunstörungen, Herzleiden, Asthma, chronische entzündliche Prozesse im ganzen Körper, Krebs usw. Dann sind die Störungen eindeutig zuordenbar und anerkannt. Ansonsten wird die vegetative Dystonie heute in Expertenkreisen manchmal auch als „Verlegenheitsdiagnose“ bezeichnet, wenn sich kein anderer Name für die Symptome finden lässt. Angesichts der Zunahme von nervlichen und stressbedingten Krankheiten erscheint diese negative Haltung gegenüber der vegetativen Dystonie nicht gerechtfertigt.

zentrales nervensystem
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Was ist das vegetative Nervensystem?

Zu den Hauptaufgaben des vegetative Nervensystems zählen die Koordination vom Körperfunktionen, die wir willentlich nicht oder nur wenig beeinflussen können:

  • Herzschlag
  • Atmung
  • Verdauung
  • Stoffwechsel
  • Temperaturregulation
  • automatische Reaktionen
  • etc pp

Am besten funktionieren diese Abläufe in einer ruhen Geisteshaltung und einem Tonus der inneren Ausgeglichenheit, also in Entspannung. Man nimmt an, dass das vegetative Nervensystem eng mit der Psyche verbunden ist. Ein anderer wichtiger Teil des menschlichen Nervensystems ist das für willentliche Bewegungen und Aktionen zuständige somatische Nervensystem. Alle diese Teile arbeiten normalerweise fein koordiniert und zum Wohl und zur Gesundheit des Menschen zusammen.

In Zeiten der körperlichen oder geistigen Überforderung kommt es zu einer deutlichen Überaktivität des Sympathikus innerhalb des vegetativen Nervensystems. Das gesunde Spannungsverhältnis im Nervengeflecht kippt zugunsten des Sympathikus. Man könnte die vegetative Dystonie also auch mit einer verstärkten Sympathikusaktivität gleichsetzen.

Vegetative Dystonie und die Reizsydrome

Normalerweise werden diese Krankheiten zwar nicht unter dem Begriff vegetative Dystonie eingeordnet, trotzdem besteht sehr wahrscheinlich ein enger Zusammenhang:

  • Hyperkinetisches Herzsyndrom: Geht mit häufigem Herzrasen und großen Blutdruckschwankungen einher.
  • Reizdarmsyndrom: Unter dem Reizdarm versteht man chronischen Verdauungsstörungen, die mit Bauchschmerzen und anhaltenden Blähungen verbunden sind.
  • Reizblase: Betroffene einer überaktiven oder „nervösen“ Blase müssen ungewöhnlich oft zur Toilette und können Urin nur schwer halten.
  • Fibromyalgie: Typisch für dieses rätselhafte Krankheitsbild sind diffuse chronische Schmerzen in Gelenknähe, die sich nicht exakt lokalisieren lassen. Begleitende Symptome sind Erschöpfung, Schlafstörungen und Depressionen.

Ursachen und Risikofaktoren

Es ist unwahrscheinlich, dass es den „einen“ Auslöser dieser Krankheit gibt. Vielmehr wahrscheinlicher kommen immer mehrere Umstände auf körperlicher, psychischer oder sozialer Ebene zusammen. Irgendwann ist die Reizüberflutung so groß, dass die nervliche Selbstregulation nicht mehr ausreichend funktioniert. Das Nervensystem nimmt einen dauerhaften Tonus an, der sich schädigend auf das Gesamtsystem auswirkt. Viele psychosomatische Ursachen schlagen sich binnen kürzester Zeit auf Körperfunktionen nieder. Das sensible Zusammenspiel von Psyche und Körper kommt allerdings erst langsam (wieder) ins Bewusstsein der etablierten Medizin.

In vielen alternativen Heilweisen dagegen werden nervliche Störungen oder Störungen der körperlich-seelischen Balance als Ursache aller anderen Erkrankungen gesehen. Diese Sensibilität ist sicher auch ein Grund dafür, weswegen die solche heilkundlichen Lehren immer mehr Zulauf finden.

Die Diagnose der vegetativen Dystonie

Die vegetative Dystonie ist diagnostisch nicht sicher nachweisbar, aber nicht so einfach widerlegbar. Kritiker sagen, dass Ärzte bevorzugt zu der Diagnose greifen würden, wenn keine körperlichen Ursachen oder andere eindeutige Krankheitsbilder zu finden sind. Andere Ärzte bringen mehr Offenheit mit und werden zunächst versuchen, sich durch eine ausführliche Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese) ein Bild zu verschaffen. Können andere Krankheitsbilder ausgeschlossen werden und sind eindeutig nervliche Dystonien beteiligt, kann die Diagnose gestellt werden. Teil der Untersuchungen sind:

  • Körperliche Tests: Untersuchung von der Spannung oder Härte der Bauchdecke. Das Abhören des Herzens und der Atmung sowie die Messung von Puls und Blutdruck.
  • Blutuntersuchung: Liegen erhöhte Entzündungswerte, Nährstoffmängel oder Hormon-Dysbalance vor?
  • Psychosomatische Erhebung und gegebenenfalls die Überweisung zu einem Psychotherapeuten.

Die Behandlungsmöglichkeiten

Bleibt die körperliche Diagnostik ohne Ergebnis, raten Ärzte meistens zum Abwarten und zu einer entspannten Lebensweise. Bei starken psychischen Belastungen, sozialem Stress oder begleitenden depressiven Verstimmungen empfiehlt der Arzt sehr wahrscheinlich eine Psycho- oder Verhaltenstherapie. In der Psychosomatik lassen sich viele Symptome auf kognitive Fehlsteuerungen zurückführen (falsche Einschätzungen und Bewertungen). Stress oder permanente Selbstüberforderung können ein erlerntes Fehlverhalten sein.

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Bei der Diagnose vegetative Dystonie sind Betroffene auch immer selbst gefragt. Der Lebensstil, die Gedankenkultur und sozialen Umstände müssen kritisch hinterfragt werden.
Oft lassen sich Auslöser vielleicht nicht sofort abstellen. Trotzdem sollen Stresssituationen, körperliche Überanstrengung und seelischer Drucks nach und nach gemieden, neu bewertet oder beseitigt werden. Alternative Ansätze und Entspannungsübungen verhelfen Betroffenen wieder zu mehr Ruhe und Lebensfreude:

  • Progressive Muskelentspannung
  • Autogenes Training
  • Yoga
  • Meditation
  • Achtsamkeitstraining

Medikamente werden meistens nicht verschrieben. Nur in sehr schweren Fällen können Symptome mit Schmerzmedikamenten, Antidepressiva oder auch pflanzlichen Beruhigungsmitteln behandelt werden. Aktuell gibt es eine große Diskussion rund um chronische Leiden und das Cannabinoid Cannabidiol (CBD). Das ist eine rauschmittelfreie Substanz aus dem Nutzhanf. Momentan ist sie wissenschaftlich noch nicht anerkannt, da Erfahrungswerte und Studien fehlen. Nutzer berichten jedoch von teils erstaunlichen Ergebnissen der Entspannung, Schmerzlinderung und psychischem Ausgleich.

Vegetative Dystonie: Prognose und Verlauf

Nur sehr selten gibt es bei diesem Krankheitsbild einen „schweren Verlauf“. Dieser ist mit einer ständigen Zunahme der Symptome statt einer Verbesserung gleichzusetzen. Schlussendlich würde eine unbehandelte vegetative Dsyfunktion sehr wahrscheinlich in ein anderes körperliches und psychisches Krankheitsbild übergehen. Nehmen Betroffene ihr Leid und ihre Probleme ernst und arbeiten selbstständig mit, ist mit einer baldigen Besserung der Symptome zu rechnen.